More Brecht – for my German friends

(NB. This is not an attempt to patronize. This is an invitation to read Brecht together).

BERTOLT BRECHT, 1935
Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit

2. Die Klugheit, die Wahrheit zu erkennen
Da es schwierig ist, die Wahrheit zu schreiben, weil sie allenthalben unterdrückt wird, scheint es den meisten eine Gesinnungsfrage, ob die Wahrheit geschrieben wird oder nicht. Sie glauben, dazu ist nur Mut nötig Sie vergessen die zweite Schwierigkeit, die der Wahrheits findung.  Keine Rede kann davon sein, daß es leicht sei, die Wahrheit zu finden.

Zunächst einmal ist es schon nicht leicht, ausfindig zu machen, welche Wahrheit zu sagen sich lohnt. So versinkt z.B. jetzt, sichtbar vor aller Welt, einer der großen zivilisierten Staaten nach dem andern in die äußerste Barbarei. Zudem weiß jeder, daß der innere Krieg, der mit den furchtbarsten Mitteln geführt wird, sich jeden Tag in den äußeren verwandeln kann, der unsern Weltteil vielleicht als einen Trümmerhaufen hinterlassen wird. Das ist zweifellos eine Wahrheit, aber es gibt natürlich noch mehr Wahrheiten. So ist es z. B. nicht unwahr, daß Stühle Sitzflächen haben und der Regen von oben nach unten fällt. Viele Dichter schreiben Wahrheiten dieser Art. Sie gleichen Malern, die die Wände untergehender Schiffe mit Stilleben bedecken.

Unsere erste Schwierigkeit besteht nicht für sie, und doch haben sie ein gutes Gewissen. Unbeirrbar durch die Mächtigen, aber auch durch die Schreie der Vergewaltigten nicht beirrt, pinseln sie ihre Bilder. Das Unsinnige ihrer Handlungsweise erzeugt in ihnen selber einen “tiefen” Pessimismus, den sie zu guten Preisen verkaufen und der eigentlich eher für andere angesichts dieser Meister und dieser Verkäufe berechtigt wäre. Dabei ist es nicht einmal leicht zu erkennen, daß ihre Wahrheiten solche über Stühle oder den Regen sind, sie klingen für gewöhnlich ganz anders, so wie Wahrheiten über wichtige Dinge. Denn die künstlerische Gestaltung besteht ja gerade darin, einer Sache Wichtigkeit zu verleihen.

Erst bei genauem Hinsehen erkennt man, daß sie nur sagen: ein Stuhl ist in Stuhl und niemand kann etwas dagegen “machen” daß der Regen nach unten fällt.

Diese Leute finden nicht die Wahrheit, die zu schreiben sich lohnt. Andere wieder beschäftigen sich wirklich mit den dringendsten Aufgaben, fürchten die Machthaber und die Armut nicht, können aber dennoch die Wahrheit nicht finden. Ihnen fehlt es an Kenntnissen. Sie sind voll von altem Aberglauben, von berühmten und in alter Zeit oft schön geformten Vorurteilen. Die Welt ist zu verwickelt für sie, sie kennen nicht die Fakten und sehen nicht die Zusammenhänge. Außer der Gesinnung sind erwerbbare Kenntnisse nötig und erlernbare Methoden. Nötig ist für alle Schreibenden in dieser Zeit der Verwicklungen und der großen Veränderungen eine Kenntnis der materialistischen Dialektik, der Ökonomie und der Geschichte. Sie ist aus Büchern und durch praktische Anleitung erwerbbar, wenn der nötige Fleiß vorhanden ist.

Man kann viele Wahrheiten aufdecken auf einfachere Weise, Teile der Wahrheit oder Sachbestände, die zum Finden der Wahrheit führen. Wenn man suchen will, ist eine Methode gut, aber man kann auch finden ohne Methode, ja sogar ohne zu suchen. Aber man erreicht, auf so zufällige Art, kaum eine solche Darstellung der  Wahrheit,  daß die Menschen auf Grund dieser Darstellung wissen, wie sie handeln sollten. Leute, die nur kleine Fakten niederschreiben, sind nicht imstande, die Dinge dieser Welt handhabbar zu machen. Aber die Wahrheit hat nur diesen Zweck, keinen andern. Diese Leute sind der Forderung, die Wahrheit zu schreiben, nicht gewachsen.

Wenn jemand bereit ist die Wahrheit zu schreiben und fähig, sie zu erkennen, bleiben noch drei Schwierigkeiten übrig.

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2 The Keenness to Recognize the Truth
Since it is hard to write the truth because truth is everywhere suppressed, it seems to most people to be a question of character whether the truth is written or not written. They believe that courage alone suffices. They forget the second obstacle: the difficulty of finding the truth. It is impossible to assert that the truth is easily ascertained.

First of all we strike trouble in determining what truth is worth the telling. For example, before the eyes of the whole world one great civilized nation after the other falls into barbarism. Moreover, everyone knows that the domestic war which is being waged by the most ghastly methods can at any moment be converted into a foreign war which may well leave our continent a heap of ruins. This, undoubtedly, is one truth, but there are others. Thus, for example, it is not untrue that chairs have seats and that rain falls downward. Many poets write truths of this sort. They are like a painter adorning the walls of a sinking ship with a still life.

Our first difficulty does not trouble them and their consciences are clear. Those in power cannot corrupt them, but neither are they disturbed by the cries of the oppressed; they go on painting. The senselessness of their behavior engenders in them a “profound” pessimism which they sell at good prices; yet such pessimism would be more fitting in one who observes these masters and their sales. At the same time it is not easy to realize that their truths are truths about chairs or rain; they usually sound like truths about important things.

But on closer examination it is possible to see that they say merely: a chair is a chair; and: no one can prevent the rain from falling down.

They do not discover the truths that are worth writing about. On the other hand, there are some who deal only with the most urgent tasks, who embrace poverty and do not fear rulers, and who nevertheless cannot find the truth.

These lack knowledge. They are full of ancient superstitions, with notorious prejudices that in bygone days were often put into beautiful words. The world is too complicated for them; they do not know the facts; they do not perceive relationships. In addition to temperament, knowledge, which can be acquired, and methods, which can be learned, are needed. What is necessary for all writers in this age of perplexity and lightening change is a knowledge of the materialistic dialectic of economy and history. This knowledge can be acquired from books and from practical instruction, if the necessary diligence is applied.

Many truths can be discovered in simpler fashion, or at least portions of truths, or facts that lead to the discovery of truths. Method is good in all inquiry, but it is possible to make discoveries without using any method—indeed, even without inquiry. But by such a casual procedure one does not come to the kind of presentation of truth which will enable men to act on the basis of that presentations. People who merely record little facts are not able to arrange the things of the world so that they can be easily controlled. Yet truth has this function alone and no other. Such people cannot cope with the requirement that they write the truth.

If a person is ready to write the truth and able to recognize it, there remain three more difficulties.

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About Christos Hadjioannou

http://www.ucd.ie/research/people/philosophy/drchristoshadjioannou/
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