Brecht- for my German friends

I am sad, deeply sad. My sorrow has to do with current German popular opinion about the Greeks. It is unbearable. Especially to people like me, who dedicate their lives working on texts that were written in these two languages. I shall be quoting Germans to my German friends, in hope they will get to their senses. Or at least soften a bit, and show some compassion.


BERTOLT BRECHT, 1935
Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit

Wer heute die Lüge und Unwissenheit bekämpfen und die Wahrheit schreiben will, hat zumindest fünf Schwierigkeiten zu überwinden. Er muss den  Mut  haben, die Wahrheit zu schreiben, obwohl sie allenthalben unterdrückt wird; die  Klugheit,  sie zu erkennen, obwohl sie allenthalben verhüllt wird; die  Kunst,  sie handhabbar zu machen als eine Waffe; das  Urteil,  jene auszuwählen, in deren Händen sie wirksam wird; die  List  sie unter diesen zu verbreiten. Diese Schwierigkeiten sind groß für die unter dem Faschismus Schreibenden, sie bestehen aber auch für die, welche verjagt wurden oder geflohen sind, ja sogar für solche, die in den Ländern der bürgerlichen Freiheit schreiben.

1. Der Mut, die Wahrheit zu schreiben
Es erscheint selbstverständlich, daß der Schreibende die Wahrheit schreiben soll in dem Sinn, daß er sie nicht unterdrücken oder verschweigen und daß er nichts Unwahres schreiben soll. Er soll sich nicht den Mächtigen beugen, er soll die Schwachen nicht betrügen. Natürlich ist es sehr schwer, sich den Mächtigen nicht zu beugen und sehr vorteilhaft, die Schwachen zu betrügen. Den Besitzenden mißfallen, heißt dem Besitz entsagen. Auf die Bezahlung für geleistete Arbeit verzichten, heißt unter Umständen, auf das Arbeiten verzichten und den Ruhm bei den Mächtigen ausschlagen, heißt oft, überhaupt Ruhm ausschlagen. Dazu ist Mut nötig. Die Zeiten der äußersten Unterdrückung sind meist Zeiten, wo viel von großen und hohen Dingen die Rede ist.

Es ist Mut nötig, zu solchen Zeiten von so niedrigen und kleinen Dingen wie dem Essen und Wohnen der Arbeitenden zu sprechen, mitten in einem gewaltigen Geschrei, daß Opfersinn die Hauptsache sei. Wenn die Bauern mit Ehrungen überschüttet werden, ist es mutig, von Maschinen und billigen Futtermitteln zu sprechen, die ihre geehrte Arbeit erleichtern würden. Wenn über alle Sender geschrieen wird, daß der Mann ohne Wissen und Bildung besser sei als der Wissende, dann ist es mutig, zu fragen: für wen besser? Wenn von vollkommenen und unvollkommenen Rassen die Rede ist, ist es mutig zu fragen, ob nicht der Hunger und die Unwissenheit und der Krieg schlimme Mißbildungen hervorbringen. Ebenso ist Mut. nötig, um die Wahrheit über sich selber zu sagen, über sich, den Besiegten. Viele, die verfolgt werden, verlieren die Fähigkeit, ihre Fehler zu erkennen. Die Verfolgung scheint ihnen das größte Unrecht. Die Verfolger sind, da sie ja verfolgen, die Bösartigen, sie, die Verfolgten, werden ihrer Güte wegen verfolgt. Aber diese Güte ist geschlagen worden, besiegt und verhindert worden und war also eine schwache Güte, eine schlechte, unhaltbare, unzuverlässige Güte; denn es geht nicht an, der Güte die Schwäche zuzubilligen, wie dem Regen seine Nässe. Zu sagen, daß die Guten nicht besiegt wurden, weil sie gut, sondern weil sie schwach waren, dazu ist Mut nötig.

Natürlich muß die Wahrheit im Kampf mit der Unwahrheit geschrieben werden und sie darf nicht etwas Allgemeines, Hohes, Vieldeutiges sein. Von dieser allgemeinen, hohen, vieldeutigen Art ist ja gerade die Unwahrheit. Wenn von einem gesagt wird, er hat die Wahrheit gesagt, so haben zunächst einige oder viele oder einer etwas anderes gesagt, eine Lüge oder etwas Allgemeines, aber  er  hat die Wahrheit gesagt, etwas Praktisches, Tatsächliches, Unleugbares, das, um was es sich handelte.

Wenig Mut ist dazu nötig, über die Schlechtigkeit der Welt und den Triumph der Roheit im allgemeinen zu klagen und mit dem Triumph des Geistes zu drohen, in einem Teil der Welt, wo dies noch erlaubt ist. Da treten viele auf, als seien Kanonen auf sie gerichtet, während nur Operngläser auf sie gerichtet sind. Sie schreien ihre allgemeinen Forderungen in eine Welt von Freunden harmloser Leute. Sie verlangen eine allgemeine Gerechtigkeit, für die sie niemals etwas getan haben, und eine allgemeine Freiheit, einen Teil von der Beute zu bekommen, die lange mit ihnen geteilt wurde. Sie halten für Wahrheit nur, was schön klingt. Ist die Wahrheit etwas Zahlenmäßiges, Trockenes, Faktisches, etwas, was zu finden Mühe macht und Studium verlangt, dann ist es keine Wahrheit für sie, nichts was sie in Rausch versetzt. Sie haben nur das äußere Gehaben derer, die die Wahrheit sagen. Das Elend mit ihnen ist:  sie wissen die Wahrheit nicht.

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Writing the Truth Five Difficulties
Bertolt Brecht, 1935

Nowadays, anyone who wishes to combat lies and ignorance and to write the truth must overcome at least five difficulties. He must have the courage to write the truth when truth is everywhere opposed; the keenness to recognize it, although it is everywhere concealed; the skill to manipulate it as a weapon; the judgment to select those in whose hands it will be effective; and the cunning to spread the truth among such persons. These are formidable problems for writers living under Fascism, but they exist also for those writers who have fled or been exiled; they exist even for writers working in countries where civil liberty prevails.

1 The Courage to Write the Truth
It seems obvious that whoever writes should write the truth in the sense that he ought not to suppress or conceal truth or write something deliberately untrue. He ought not to cringe before the powerful, nor betray the weak. It is, of course, very hard not to cringe before the powerful, and it is highly advantageous to betray the weak. To displease the possessors means to become one of the dispossessed. To renounce payment for work may be the equivalent of giving up the work, and to decline fame when it is offered by the mighty may mean to decline it forever. This takes courage.

Times of extreme oppression are usually times when there is much talk about high and lofty matters. At such times it takes courage to write of low and ignoble matters such as food and shelter for workers; it takes courage when everyone else is ranting about the vital importance of sacrifice. When all sorts of honors are showered upon the peasants it takes courage to speak of machines and good stock feeds which would lighten their honorable labor. When every radio station is blaring that a man without knowledge or education is better than one who has studied, it takes courage to ask: better for whom? When all the talk is of perfect and imperfect races, it takes courage to ask whether it not hunger and ignorance and war that produce deformities.

And it also takes courage to tell the truth about oneself, about one’s own defeat. Many of the persecuted lose their capacity for seeing their own mistakes. It seems to them that the persecution itself is the greatest injustice. The persecutors are wicked simply because they persecute; the persecuted suffer because of their goodness. But this goodness has been beaten, defeated, suppressed; it was therefore a weak goodness, a bad, indefensible, unreliable goodness. For it will not do to grant that goodness must be weak as rain must be wet. It takes courage to say that the good were defeated not because they were good, but because they were weak.

Naturally, in the struggle with falsehood we must write the truth, and this truth must not be a lofty and ambiguous generality. When it is said of someone, “He spoke the truth,” this implies that some people or many people or least one person said something unlike the truth—a lie or a generality—but he spoke the truth, he said something practical, factual, undeniable, something to the point.

It takes little courage to mutter a general complaint, in a part of the world where complaining is still permitted, about the wickedness of the world and the triumph of barbarism, or to cry boldly that the victory of the human spirit is assured. There are many who pretend that cannons are aimed at them when in reality they are the target merely of opera glasses. They shout their generalized demands to a world of friends and harmless persons. They insist upon a generalized justice for which they have never done anything; they ask for generalized freedom and demand a share of the booty which they have long since enjoyed. They think that truth is only what sounds nice. If truth should prove to be something statistical, dry, or factual, something difficult to find and requiring study, they do not recognize it as truth; it does not intoxicate them. They possess only the external demeanor of truth-tellers. The trouble with them is: they do not know the truth.

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About Christos Hadjioannou

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